Allerliebste ZVS,
dies wird wohl mein letzter Brief an dich sein. Eine Nachricht, die ich nie abschicken werde.
Unsere innige Brieffreundschaft begann vor etwa einem Jahr, zur Sommerzeit. Ich beschloss Medizin zu studieren und so führte das Schicksal uns beide zusammen. Am Anfang warst du sehr zögerlich mit Antworten, ja, unfreundlich geradezu! Abweisen wolltest du mich. Doch es hielt nicht lange und du schriebst plötzlich von der Universität in Marburg und dass ich mich nur melden müsse, wenn ich dorthin wolle.
Das wollte ich jedoch nicht und so verging einige Zeit, bis wir im letzten November wieder über das Sommersemester schrieben. Du scheinst ein Herbstkind zu sein, eine Person von melancholischem und trägem Gemüt, die aber doch zum Jahresende besonders gute Laune bekommt. Liebe ZVS, du hast mir sogar einen Studienplatz an der Charité angeboten! Ach, was haben wir beide Tränen gelacht vor Freude. Doch bin ich ja noch hier in Dänemark und arbeite für die EU. "Kein Problem", hast du gesagt, "du bekommst keinen Nachteil wegen deiner Freiwilligenarbeit, schreib mir einfach der Form halber nochmal zum Wintersemester und du bekommst den Platz."
Zeitig genug, schon Anfang Mai, schrieb ich dir wieder einen liebevollen Brief. Doch du hast nicht geantwortet und ich wurde unruhig. Plötzlich kam eine Meldung: Du warst recht verärgert und wolltest mir nicht mehr glauben, dass ich einen Dienst ableiste. Aber ich hatte es dir doch letzten November gesagt! Das war dir nicht genug. Ich bemühte mich um ein Schreiben, das dir versichert, dass ich hier noch gebunden bin. Ich schickte es ab …. und du hast mich angeschwiegen. "Ok", dachte ich mir, "du bist ja launischer Natur, ich gedulde mich bis du dich bei mir meldest." Doch es wurde immer stiller. Gestern konnte ich das Schweigen nicht mehr aushalten. Ich suchte deine Telefonnummer raus, rief dich an und fragte, was denn los sei. Ach, du seist ja so beschäftigt und müsstest überhaupt erstmal in deinen Unterlagen suchen. "Achja, das!", sagtest du, "Gut, dass Sie anrufen!" Moment, sind wir nach Monaten der Korrespondenz plötzlich per Sie? Aber nagut.
"Haben Sie die Dienstbescheinigung als beglaubigte Kopie oder Original geschickt?"
(Moment - Fangfrage?) "Als Original!"
"Also ich habe das als Kopie eingestuft."
"Ich weiß gar nicht, was ich jetzt dazu sagen soll. Ich kann versichern, dass es ein Originalpapier ist. Die Unterschrift müsste mit Kugelschreiber sein."
"Die Unterschrift ist auch nicht das Problem. Aber der Stempel!"
(WTF?!) "Der Stempel?"
"Ja, der ist kopiert."
"?!?!"
"Ich überprüfe das nochmal."
(Gefühlte dreißig Minuten vergingen. Ich überlegte, was ich jetzt machen soll und vor allem - was du machst. Ich musste mir vorstellen, wie du in einen gebügelten Hosen auf deinem ergonomischen Schreibtischstuhl oder Gymnastikball sitzt und durch Spuckebefeuchtung versuchst herauzufinden, ob sich der Stempel schneller wegschmieren lässt als die Druckerschwärze.)
"Frau Müller, sind Sie noch da?"
("Frau Müller", also wirklich!) "Ja."
"Sie haben Recht - es ist ein Original. Ich prüfe auch nochmal kurz Ihren Antrag …. ja, alles in Ordnung. Viel Spaß in Berlin."
Allerwerteste ZVS, so lieb wir uns auch hatten, es ist einfach an der Zeit, adé zu sagen.
Auf dass du ab jetzt deine Wege gehst und ich meine.
Adé, chéri.